Politische Artikel

Rußland, die Ukraine und wir.

Oskar Lafontaine, über den man ansonsten denken mag, was man will, ist ein kluger Kopf. Er sagte jetzt mit Blick auf die seit Monaten von der NATO und anderen transatlantischen Drahtziehern angeheizte Ukraine-Krise, der Westen müsse „zum Putinversteher werden, sonst gibt es keinen Frieden“. Er müsse „lernen, daß man dem Gegenüber dieselben Rechte einräumen muß, die man für sich selbst in Anspruch nimmt“. Eine Binsenweisheit – traurig, daß man daran erinnern muß. Und: man geht weder mit Putin ins Bett noch ist man „Kreml-Propagandist“, wenn man angesichts der unappetitlichen Einheitsmeinung der westlichen Mainstream-Medien empfiehlt, beide Seiten – auch die russische – zu verstehen.

Einige Fakten, die unstrittig sind:

– Rußland wird niemanden überfallen. Putin müßte ja verrückt sein. Rußland erpreßt auch niemanden, und Rußland dreht nicht einmal den Gashahn ab. Selbst die ukrainische Regierung dementiert hartnäckig Indizien für eine russische „Invasion“. Nur der Westen schürt Panik, hetzt, verbreitet Hysterie – und schädigt die Ukraine damit mehr, als es alle russischen Manöver in Grenznähe könnten. Am Wochenende informierten westliche Versicherungsgesellschaften Kiew darüber, daß für Flüge in die Ukraine kein Versicherungsschutz bestehe. Westliche Fluggesellschaften stellen seither ihre Flüge in oder über ukrainisches Gebiet ein. De facto ist über die Ukraine eine Flugverbotszone verhängt. Wie vorteilhaft diese für die ohnehin schwache ukrainische Wirtschaft ist, kann man sich ausmalen. Schuld ist aber auch daran nicht Putin, sondern die westlichen „Freunde“ Kiews.

– Das entscheidende Wendejahr für die aktuelle Krise war 2014 mit dem vom Westen maßgeblich unterstützten Maidan-Putsch. Es handelte sich um einen klassischen „regime change“, in den westliche Organisationen und Regierungen – unter anderem die Open-Society-Stiftungen des George Soros – viel Geld und Logistik investierten. Das alles ist kein Geheimnis. Der Frontwechsel der Ukraine ins westliche Lager war ein geostrategisches Manöver mit dem Ziel, die NATO direkt an die russische Grenze zu bringen und Rußland seines westlichen Vorfeldes zu berauben.

– Angesichts dieser Konstellation verlangt Rußland nichts anderes als Sicherheitsgarantien. Seitdem die Ukraine faktisch „westliches“ Territorium ist, würde die Flugzeit amerikanischer Raketen von der ukrainischen Grenze bis Moskau nur noch fünf bis sieben Minuten betragen. Das ist eine substantielle Bedrohung. Man halte sich umgekehrt den Fall vor Augen, Rußland würde in Mexiko Raketen stationieren. Für Kennedy war die damit vergleichbare Kubakrise ein Kriegsgrund. Aber auch abseits der Raketen pumpt der Westen, insbesondere die Kriegstreiber Großbritannien und die USA, die Ukraine seit 2014 mit Waffen voll, mittlerweile ohne jede Geheimnistuerei. Niemand kann ernstlich annehmen, sie meinten es gut mit den Ukrainern.

– Der herbeigeputschte Frontwechsel Kiews führte 2014 unmittelbar zur Abspaltung der beiden selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk mit ihrer überwiegend russischstämmigen Bevölkerung. Er führte weiters dazu, daß sich über 90 Prozent der Krim-Bewohner in einem Referendum im März 2014 für den Anschluß an Rußland entschieden. Sie wurden dazu von niemandem gezwungen, hatten aber gute Gründe für ihr Votum, denn in der Ukraine wurde nach der erfolgreichen Installation eines pro-westlichen Marionettenregimes sofort Pogromstimmung gegen alles Russische geschürt. Das Massaker von Odessa am 2. Mai 2014, von ukrainischen Nationalisten und Fußballfans an rund 100 russischstämmigen Angestellten im dortigen Gewerkschaftshaus begangen, ist unvergessen, wurde aber niemals geahndet und noch nicht einmal aufgeklärt. Der Westen hat dieses Massaker ebenso unter den Teppich gekehrt wie die ukrainische Minderheitenpolitik, die allen EU-Standards ins Gesicht schlägt und inzwischen sogar den Import russischer Filme und Bücher in die Ukraine verbietet, wenn sie den ukrainischen Behörden nicht passen. Ähnliche Probleme hat übrigens auch die ungarische Minderheit.

Man ist kein Feind der Ukraine, wenn man diese Dinge anspricht.

– Rußland wird seit dem Zerfall der UdSSR systematisch vom Westen eingekreist. Kontinuierlich und systematisch hat die NATO nach 1991 begonnen, die Konkursmasse der Sowjetunion zu übernehmen, im Baltikum, in Georgien, auf dem Balkan, aber selbst in Zentralasien (z.B. Tadschikistan). Heute beherrschen NATO und USA die halbe Welt und stehen mit Panzern und Flugzeugen vor der russischen Haustüre – aber Putin wird beschuldigt, er sei der Aggressor. Oskar Lafontaine liegt richtig mit der Feststellung: „Die ganze Politik der westlichen Staaten – natürlich unter Führung der USA, die machen die Politik, niemand anderes – beruht auf Lügen.“

Völker haben – nach Bismarck – keine Freunde, nur Interessen. Deutschland und Europa können weder an einem vom Westen geschürten Brandherd in der Ukraine noch an der Gegnerschaft zu Rußland Interesse haben. Washington, die NATO und andere einschlägige Kreise hingegen sehr wohl. Seit 150 Jahren ist es das geostrategische Grundaxiom der Angloamerikaner, ALLES zu unternehmen, um eine Kooperation der eurasischen Mächte Rußland und Deutschland zu verhindern. Die Ukraine ist nur der Bauer im Schach und wäre das erste Opfer, vergleichbar Polen im September 1939.

Ja, die Ukraine hat furchtbare historische Erfahrungen mit Moskau und dem Sowjetkommunismus gemacht. Niemand bestreitet diese, und man muß sie respektieren. Aber unter dem Sowjetkommunismus haben auch zwei Dutzend andere Völker gelitten, auch wir Deutschen. Man muß daraus nicht Haß für alle Zeit destillieren.

Persönlich zähle ich Ukrainer wie Russen gleichermaßen zu meinen Freunden und guten Bekannten. Den vom Westen geschürten Konflikt zwischen den zwei slawischen Brudervölkern empfinde ich als ebenso irrsinnig, wie es ein Konflikt zwischen Bayern und Ostfriesen wäre. Der Feind ist weder Putin noch „der“ Russe noch „der“ Ukrainer. Der Feind Europas, das Krebsgeschwür der Welt, sitzt jenseits des Atlantiks. Er will Krieg in Europa, um Europa am Boden zu halten. Der Feind heißt Amerika.

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