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Lebenserinnerungen von Christian Worch. Teil 3, Leseprobe

Von den Achtziger Jahren verbrachte ich mehr als ein Drittel im Gefängnis.

Genaugenommen fing es schon im Fr√ľhjahr 1979 an: Da wurde ich von der
Polizei aus dem heimischen Hamburg nach Kiel verschleppt und bekam einen
Haftbefehl des Amtsgerichts Kiel zu lesen, der mir gemeinsam mit zwei
anderen Kameraden “Vorbereitung zweier Verbrechen des Mordes” vorwarf.
Im Klartext: Frank Stubbemann, Gunnar Pahl und ich sollten geplant
haben, zwei tatsächliche oder angebliche Verräter zu töten, und zwar mit
Hilfe eines vergifteten Kuchens, der dem einen, der in Haft saß, in die
Anstalt geschickt werden sollte. Las sich ein bisschen, als ob Agathe
Christie das Drehbuch geschrieben hätte; Kriminalfilme, wie sie in den
50-er und 60-er Jahren modern gewesen waren….

Erstaunlich nur, dass ich davon √ľberhaupt nichts wusste.
Ungeachtet dessen verbrachte ich am 14. Mai 1979 meinen 23. Geburtstag
hinter Gittern. Es sollte auch nicht der letzte gewesen sein….

Ein paar Wochen später wurde es noch lustiger. Da brachte das
Wochenmagazin STERN eine groß aufgemachte Geschichte, wir hätten
zusätzlich geplant, den damaligen Ministerpräsidenten von
Schleswig-Holstein, Björn Engholm, während eines Wahlkampfauftritts zu
ermorden. Mit einer Bombe in einem Blumenk√ľbel. Auch hier war
erstaunlich, da√ü ich von Bomben, von Blumenk√ľbeln und Mordpl√§nen gegen
Engholm √ľberhaupt nichts wu√üte. Aber es las sich immerhin sch√∂n dramatisch.
Meine mehr als nur ein bißchen geschockte Mutter brauchte fast sechs
Wochen, bis sie eine Genehmigung und einen Termin f√ľr einen Besuch bei
mir erlangt hatte. Nachdem wir uns zur Begr√ľ√üung umarmt und gerade mal
drei Worte gewechselt hatten, erschien ein völlig aufgeregter
Vollzugsbeamter und erkl√§rte, der Besuch m√ľsse in einem Raum mit
Trennscheibe stattfinden; Terroristen-Regeln. Die beiden den Besuch
√ľberwachenden Kriminalpolizisten waren h√∂chst erstaunt, entschuldigten
sich bei uns und erklärten, daß das keinesfalls auf sie oder ihre
Dienststelle zur√ľckginge. Wenn es in dem Fall nicht um meine Mutter
gegangen wäre, hätte ich das alles äußerst belustigend gefunden. Aber
immerhin, meine Mutter war aus fr√ľheren Jahren Kummer gew√∂hnt; sie hatte
kurz nach Kriegsende auch meinen Vater in englische Gefangenschaft in
L√ľbeck besucht, als er dort einsa√ü, weil man ihn der Fluchthilfe f√ľr
Klaus Barbie verd√§chtigte. (Mein Vater war in dem Fall unschuldig –
meine Großmutter war es gewesen!)

Am nächsten Tag erfolgte meine Blitzentlassung.
Nun waren wir seelisch auf alle möglichen Schikanen vorbereitet, bis hin
zu Psycho-Terror. Also ging ich erst einmal davon aus, daß das eine
Ma√ünahme sei, um mich sozusagen “weichzuklopfen” und da√ü ich, bevor ich
diese m√§√üig gastliche St√§tte wirklich verlie√ü, zu h√∂ren bekam: “April,
April, alles nur ein Scherz!” (Es war √ľbrigens tats√§chlich April, aber
nicht der 1. des Monats.) Auf der Schreibstube, wo man mir meine Effekten und mein Bargeld
aushändigte, fragte ich die Sekretärin, welchem Umstand ich diese so
kurzfristige Entlassung zu verdanken hätte. Sie schlug einen schmalen
Aktendeckel auf und sagte mir: “Es ist ein Telex aus Karlsruhe gekommen,
vom Ermittler beim Bundesgerichtshof.” (Telex, auch Fernschreiben
genannt, war damals die schnellsten Kommunikationsmethode in
Schriftform; Dinge wie das heute auch schon fast aus der Mode gekommene
Telefax waren noch nicht erfunden bzw. eingef√ľhrt.)

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